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Freispruch fürs Angeln

Angler im Schilf

Kaum eine Freizeitbeschäftigung am Wasser steht öfter unter Generalverdacht als das Angeln. Brütende Wasservögel, gestörte Ufervegetation, aufgeschreckte Fischbestände, wenn irgendwo eine Schutzzone verhängt wird, sind Angler oft die Ersten, die draußen bleiben müssen. Eine aktuelle, mit dem DAFV-Förderpreis 2025 ausgezeichnete Doktorarbeit räumt jetzt mit genau diesem Bild auf. Sie liefert handfeste Argumente, die du kennen solltest, egal ob du an einem vereinsbewirtschafteten Baggersee sitzt oder dich mit dem nächsten Nutzungskonflikt an deinem Hausgewässer auseinandersetzen musst.

Das Störbagger-Projekt

Die Doktorarbeit von Dr. Malwina Schafft entstand am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei unter Betreuung von Prof. Dr. Robert Arlinghaus und wurde von drei Landesanglerverbänden aus Niedersachsen, Sachsen und Bayern finanziert, ein Projekt, das treffend „Störbagger“ heißt. Im Kern kombiniert die Arbeit zwei Ansätze: eine globale Metaanalyse bereits veröffentlichter Studien zu wasserbasierten Freizeitaktivitäten und eine eigene Feldstudie an Baggerseen mit unterschiedlicher Nutzungsintensität. Baggerseen eigneten sich deshalb als Modellgewässer, weil sie eine vergleichbare Entstehungsgeschichte haben und es unter ihnen auch komplett unbeangelte Kontrollgewässer gibt, eine Vergleichsbasis, die es an natürlich gewachsenen Seen kaum gibt. Insgesamt wurden Wasservögel, Singvögel, Libellen, Amphibien, Fische, Wasserpflanzen und Ufervegetation erfasst, ein deutlich breiteres Artenspektrum, als frühere Untersuchungen zur Störwirkung von Freizeitnutzung es meist abgedeckt haben.

Welche Organismengruppen sind am stärksten betroffen?

  • Die stärksten negativen Effekte traten bei Pflanzen und wirbellosen Tieren (z. B. Insektenlarven, Muscheln)
  • Bei Vögeln waren Effekte vor allem auf Individualebene ausgeprägt, auf Gemeinschaftsebene oft nicht signifikant.
  • Mechanismen: Trittschäden, Wellenschlag, Sedimentaufwirbelung und Zerstörung von Uferstrukturen treffen besonders ortsfeste Organismen

Wer tatsächlich am stärksten stört

Das zentrale Ergebnis dürfte für hitzige Diskussionen an so manchem Vereinsgewässer sorgen. Es ließen sich keine spezifisch anglerischen Störeffekte auf die Gewässerumwelt nachweisen. Boote sowie nichtanglerische Ufernutzung wie Spazieren erzeugten im Schnitt die stärksten negativen ökologischen Effekte, während für Wasservögel letztlich egal ist, ob sie von Badegästen oder von Anglern aufgeschreckt werden. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei einem ganz anderen Faktor aus. Frei laufende Hunde wirkten sich auf Wasser- und Singvögel klar negativer aus als die bloße Anwesenheit von Menschen am Ufer. Entscheidend ist zudem weniger die einzelne Aktivität als vielmehr, wie häufig, wie gebündelt und in welchen Gewässerbereichen die Nutzung stattfindet. Sensible, bislang unberührte Flachwasserzonen reagieren deutlich empfindlicher als längst veränderte Uferabschnitte. Aus fischereipolitischer Sicht besonders relevant: Isoliert auf Angler zugeschnittene Zugangsverbote, wie sie in manchen Naturschutzgebieten verhängt werden, erwiesen sich als naturschutzfachlich wirkungslos, solange andere Freizeitnutzungen an derselben Stelle weiter toleriert werden.

Keine spezifisch „anglerischen“ Störeffekte

  • Es ließen sich keine spezifischen Störeffekte des Angelns auf die Gewässerumwelt nachweisen.
  • Störungen hängen stärker davon ab, wie häufig und wo Menschen am/im Wasser sind, egal, ob Angler oder nicht.
  • Für Wasservögel gilt „Zu viel ist zu viel“, egal ob die Störung durch Badegäste oder Angler kommt.
  • Freilaufende Hunde hatten einen deutlich negativeren Effekt auf Vögel als die reine menschliche Präsenz.
  • Die negativsten Effekte haben Boote und nicht-anglerische Ufernutzung wie Baden, Grillen oder Spazieren

Interessant ist außerdem, welche Organismengruppen tatsächlich am empfindlichsten reagieren. Anders als es der Fokus vieler älterer Studien nahelegt, sind es nicht in erster Linie Vögel, sondern Pflanzen und wirbellose Tiere wie Insektenlarven oder Muscheln, die am stärksten auf Trittschäden, Wellenschlag und aufgewirbeltes Sediment reagieren, einfach weil sie nicht wegschwimmen oder -fliegen können.

Artenreichtum in gehegte Gewässern

Für dich als Angler dürfte der spannendste Befund ein anderer sein. Beim Vergleich anglerisch gehegter mit nicht gehegter Baggerseen zeigten sich bei den meisten untersuchten Organismengruppen keine Unterschiede in der Artenzahl, bei den Fischen waren die gehegten Gewässer sogar artenreicher. Einzig bei Amphibien wirkte sich die anglerische Hege leicht artenzahlreduzierend aus, ein Effekt, den man bei der Gewässerpflege im Hinterkopf behalten sollte, etwa beim Zeitpunkt von Böschungsmahd oder Besatzmaßnahmen. Besonders bemerkenswert war die Wirkung der von Angelvereinen eigenständig eingerichtete Schutz- und Ruhezonen, die komplett frei von jeglichem menschlichen Zugang bleiben. Sie wirkten sich in den Untersuchungen deutlich positiv auf Ufervegetation, Singvogelbestände und Fischartenvielfalt aus. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese Zonen freiwillig von den Vereinen selbst eingerichtet wurden, ohne behördliche Auflage. Die Studie belegt damit, dass Angelvereine als Gewässerbewirtschafter aktiv Biodiversität fördern können, wenn sie konsequent auf gute fachliche Praxis setzen. Strukturverbesserungen am Ufer, Rücksicht auf Brut- und Schonzeiten, der Erhalt von Wasserpflanzen und eine zonierte Bewirtschaftung mit klar getrennten Nutzungs- und Ruhebereichen.

Anglerische Hege & Biodiversität

  • Mehr Arten bei Fischen
  • Weniger Arten bei Amphibien
  • Insgesamt nicht negativ für die Biodiversität

Was das für deine Praxis am Wasser bedeutet

Die Studie ist kein Freibrief, rücksichtslos ans Wasser zu gehen, sie zeigt vielmehr, worauf es wirklich ankommt. Da die stärksten Effekte von konzentrierter Ufernutzung und Bootsverkehr ausgehen, lohnt sich an sensiblen Gewässerabschnitten der bewusste Verzicht auf unnötiges Durchqueren von Flachwasserzonen, feste Trampelpfade und ausgewiesene Angelstellen schonen empfindliche Uferbereiche spürbar mehr als wildes Herumlaufen am Ufer. Wer vom Boot aus angelt, für den ist ein Wechsel von lauten Verbrennermotoren zu leiseren Elektromotoren nicht nur eine Frage des Komforts, sondern reduziert nachweislich genau die Störwirkung, die laut Studie am stärksten ins Gewicht fällt. Und weil frei laufende Hunde die mit Abstand größte Störquelle für Wasservögel sind, gehören sie an sensiblen Uferabschnitten an die Leine.

Welche Schutzmaßnahmen helfen?

  • Ruhe- und Schutzzonen, die von Angelvereinen eingerichtet und konsequent frei von menschlichem Zugang gehalten werden, wirkten sich positiv aus auf:
    • Ufervegetation
    • Singvogelbestände
    • teilweise auch Fische
  • Entscheidend ist ein mosaikartiges Zonieren: Nutzungsstrecken wechseln sich mit echten Ruhezonen ab.
  • Gute fachliche Praxis, also pfleglicher Umgang mit Ufern, Erhalt von Wasserpflanzen, Rücksicht auf Brut-/Schonzeiten, Verzicht auf Besatz nicht-heimischer Arten, Habitat-Wiederherstellung

Für die eigene Vereinsarbeit liefert die Studie zudem ein starkes Argument, denn wer als Verein eigene Ruhezonen ausweist, mit einfachen Absperrungen, Hinweisschildern oder markierten Betretungsverboten an sensiblen Flachwasserbereichen, leistet nachweislich mehr für die Biodiversität als jede pauschale Nutzungsbeschränkung. In Kombination mit schonendem Landungsequipment wie atraumatischen Abhakmatten, feinmaschigen, fischschonenden Keschern und Zangen für ein zügiges, stressarmes Release rundet das ein Bild ab, das die Studie eindrucksvoll bestätigt. Gute fachliche Praxis am Wasser wirkt, und zwar messbar.

Politisch-praktische Schlussfolgerungen

  • Isolierte Angelverbote (z. B. Angelzugangsverbote in Naturschutzgebieten, während andere Freizeitnutzungen erlaubt bleiben) sind naturschutzfachlich wenig wirksam.
  • Nutzungseinschränkungen sollten alle Freizeitnutzungen mitdenken und evidenzbasiert im Einzelfall entschieden werden.
  • Angelvereine sind zentrale Akteure im Gewässermanagement, die Nutzung und Schutz praktisch vereinbaren können.

Quellen:
Deutscher Angelfischer-Verband e.V.
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Impact of water-based recreation on aquatic and riparian biodiversity of small lakes – ScienceDirect

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