
In einigen Flüssen passiert im Sommer und Frühherbst etwas, das auf den ersten Blick nichts mit klassischem Angeln zu tun hat: Ein Team in Wathosen zieht mit Kescherstangen und einem surrenden Gerät durchs Wasser, dahinter treibt ein Boot mit Elektroden. Kein gezieltes Vorgehen auf Hecht oder Wels, sondern ein Rundumschlag, der wirklich jeden Fisch im Abschnitt erfasst, vom Gründling bis zum Waller. Für Angler, die zufällig am Ufer stehen, sieht das erst mal befremdlich aus. Doch keine Sorge, kein Fisch kommt dabei dauerhaft zu Schaden.
Am Ende des Tages landen alle wieder im Wasser, aus dem sie kamen. Was hier passiert ist eine Elektrobefischung. Das ist eine der wichtigsten Methoden, um überhaupt zu wissen, was in unseren Gewässern schwimmt. Denn ausgerechnet die Datenlage zu Fischbeständen in Deutschland ist an vielen Stellen erstaunlich dünn, und das betrifft am Ende jeden Angler, der sich über Schonzeiten, Mindestmaße oder Besatzpläne seines Vereins Gedanken macht.
Wie funktioniert Elektrofischen?
Elektrofischen nutzt einen physiologischen Effekt namens Galvanotaxis. Legt man ein Gleichstromfeld ins Wasser, orientieren sich Fische unwillkürlich zur Anode hin und schwimmen ihr entgegen, bevor sie in unmittelbarer Nähe kurzzeitig betäubt werden (Elektronarkose). Genau das macht die Methode so wertvoll, denn sie treibt die Fische aktiv zum Fangenden hin, statt sie nur wahllos zu lähmen. Deshalb wird heute praktisch ausschließlich mit gepulstem Gleichstrom gearbeitet, nicht mit Wechselstrom. Wechselstrom würde zwar auch eine Tetanie (Muskelkrampf ) auslösen, aber ohne die gerichtete Anlockung und mit deutlich höherem Verletzungsrisiko, etwa durch Wirbelbrüche bei größeren Fischen. Die Feldstärke wird über die Leitfähigkeit des Wassers eingestellt, in weichem, leitarmem Wasser braucht man mehr Spannung als in mineralreichen Flüssen, weshalb erfahrene Elektrofischer vor jedem Einsatz die Leitfähigkeit messen und das Gerät entsprechend justieren.

Es wird ein repräsentativer Gewässerabschnitt ausgewählt, dessen Länge und Breite dokumentiert werden. Vor Ort (1) kann er mehrmals befischt werden. Zentral ist das Gerät zur Erzeugung des Stroms neben Kescher und Anode(2).

In kleinen Bächen kommen tragbare Rucksackgeräte (3) zum Einsatz, bei denen eine Person die Anode als Kescherring führt und ein zweiter Mann mit dem Handnetz folgt (4-6). In größeren Flüssen und beim Boot-Elektrofischen sitzt die Anode als Kette oder Ring am Bug, während das Boot langsam gegen die Strömung fährt und ein Team rechts und links abfischt. Damit die Ergebnisse überhaupt vergleichbar sind, wird ein Flussabschnitt oft mit Absperrnetzen nach oben und unten begrenzt, sodass Fische während der Befischung nicht einfach abwandern. Häufig wird derselbe Abschnitt zwei- oder dreimal in Folge befischt. Aus dem Rückgang der Fangzahlen zwischen den Durchgängen lässt sich nach der sogenannten Depletionsmethode (etwa nach Zippin oder Seber-LeCren) sogar die tatsächliche Bestandsgröße hochrechnen, nicht nur die Zahl der gefangenen Fische.

Gefangene Tiere kommen in belüftete Hälterbehälter, werden nach Art sortiert, vermessen, gewogen und teils auch auf Alter und Kondition untersucht, bevor sie zurück ins Gewässer dürfen. (7-9) Wer selbst genauso sauber mit gefangenen Fischen umgehen möchte, findet im Shop passendes Zubehör wie Setzkescher, Unterfangkescher mit knotenlosem Netz und Messbretter, die den Fisch schonen, während man ihn dokumentiert.
Warum Strom das beste Mittel ist
Der eigentliche Clou der Elektrofischerei ist ihre Selektionsfreiheit. Jede andere Fangmethode hat einen Bias, wirkt also nicht unabhängig von der Fischart immer gleich gut. Die Angel fängt vor allem Fische, die auf den jeweiligen Köder reagieren und groß genug sind, den Haken zu nehmen, kleine Brut oder Bodenfische wie Schmerle und Groppe bleiben da fast immer unsichtbar. Reusen und Netze wiederum sind auf bestimmte Maschenweiten und Laichwanderungen ausgelegt. Elektrofischen erfasst dagegen tatsächlich das gesamte Artenspektrum eines Gewässerabschnitts, von der wenige Zentimeter kleinen Jungfischkohorte bis zum kapitalen Adultfisch, sofern er sich im Wirkungsbereich der Anode befindet. Genau diese Vollständigkeit macht die Methode zur Grundlage für die fischbasierte Bewertung von Fließgewässern nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Behörden und Landesfischereiverbände nutzen die erhobenen Daten, um den ökologischen Zustand eines Gewässers einzustufen, etwa ob eine natürliche Fischgemeinschaft mit allen erwarteten Alterskohorten vorhanden ist oder ob etwa Kieslaicher wie Bachforelle und Äsche fehlen, was auf gestörte Durchgängigkeit oder verschlammte Laichhabitate hindeutet. Für Angler ist das relevant, weil genau diese Bewertungen später in Bewirtschaftungspläne, Renaturierungsprojekte und nicht zuletzt in die Besatzstrategie des eigenen Vereins einfließen.
Unbekannte Fänge der Freizeitangler
Damit man Bestände wirklich beurteilen kann, braucht man Vergleichszahlen über Jahre, und genau hier klafft in Deutschland eine erhebliche Lücke. Die Berufsfischerei ist in weiten Teilen meldepflichtig. Wer gewerblich fischt, muss Fangmengen nach Art und Gewässer dokumentieren, diese Zahlen fließen in amtliche Fischereistatistiken der Bundesländer und teilweise der EU ein. Für die Freizeitfischerei sieht es ganz anders aus. In den meisten Bundesländern gibt es keine flächendeckende Fangmeldepflicht für Angler, allenfalls punktuelle Fangbuchpflichten für einzelne Gewässer oder Arten wie Aal oder Meerforelle, häufig aus Vereinen oder Landesverbänden heraus organisiert, nicht bundesweit einheitlich. Dabei ist die Zahl der Angler in Deutschland um ein Vielfaches höher als die Zahl der Berufsfischer, und gerade an vielen Flüssen und Seen ist die Angelei mittlerweile der weitaus größere Entnahmefaktor. Wie viel dort tatsächlich gefangen und entnommen wird, lässt sich ohne belastbare Meldedaten kaum seriös schätzen, man ist auf Hochrechnungen, freiwillige Angler-Umfragen oder eben unabhängige Methoden wie die Elektrobefischung angewiesen, um überhaupt eine Referenz zu bekommen, an der man Entwicklungen im Bestand ablesen kann.
Wofür man belastbare Zahlen braucht
Ohne verlässliche Bestandszahlen fährt jede fischereiliche Entscheidung im Nebel. Mindestmaße und Schonzeiten lassen sich nur sinnvoll festlegen, wenn man weiß, wie sich eine Population tatsächlich zusammensetzt, insbesondere wie viele Jahrgänge im Nachwuchs fehlen oder ob eine Art überhaupt noch eigenständig laicht. Besatzmaßnahmen von Vereinen und Verbänden sind nur dann sinnvoll investiertes Geld, wenn vorher klar ist, ob ein Gewässer überhaupt Besatzdefizite hat oder ob der Bestand sich längst selbst reproduziert und Besatz eher schadet als hilft, etwa durch genetische Vermischung oder Konkurrenzdruck. Auch der Klimawandel macht wiederholte Elektrobefischungen wichtiger, denn Verschiebungen im Artenspektrum, etwa wärmeliebende Arten wie Rotfeder oder Zander, die kühlere Arten wie Bachforelle und Äsche zunehmend verdrängen, lassen sich nur über Zeitreihen belastbar nachweisen. Und nicht zuletzt sind diese Daten die Grundlage für Rote-Liste-Einstufungen gefährdeter Arten, die wiederum über Schutzstatus und Fangverbote entscheiden. Wer als Verein oder Hegegemeinschaft Erfolg von Renaturierungsmaßnahmen wie neu angelegten Kiesbänken oder Fischtreppen nachweisen will, kommt an dieser Methode ebenfalls kaum vorbei, ein Vorher-Nachher-Vergleich der Artenzusammensetzung ist oft der einzig objektive Beleg dafür, dass eine Maßnahme tatsächlich gewirkt hat.
Elektrobefischung für Angler
Elektrofischen wirkt auf den ersten Blick wie ein befremdlicher Fremdkörper im Gewässer, ist aber schlicht die ehrlichste Methode, um herauszufinden, was tatsächlich unter der Wasseroberfläche lebt, unabhängig von Köder, Uhrzeit oder Anglererfahrung. Weil die Freizeitfischerei in Deutschland kaum systematisch erfasst wird, sind solche unabhängigen Datenerhebungen oft die einzige verlässliche Quelle, um Bestandsentwicklungen überhaupt sichtbar zu machen. Am Ende profitieren Angler selbst davon, denn realistischere Zahlen bedeuten passgenauere Schonzeiten, sinnvoller investierten Besatz und Gewässer, die auch in zehn Jahren noch etwas zum Angeln zu bieten haben. Wer sich in seinem Verein einbringen will, kann sich übrigens oft als Hilfskraft bei der nächsten Elektrobefischung der Hegegemeinschaft melden, ein Erlebnis, das den Blick aufs eigene Gewässer nachhaltig verändert. Und für die eigene, saubere Dokumentation gefangener Fische lohnt sich sowieso ein Blick auf Messbretter, digitale Waagen und schonende Setzkescher aus dem Shop.