
Die Murg zählt zu den spannendsten Mittelgebirgsflüssen Südwestdeutschlands. Vom Nordschwarzwald bis in die Rheinebene bei Rastatt durchläuft sie ganz unterschiedliche Landschafts- und Gewässertypen und genau das macht sie heute so interessant. Die Auszeichnung zur Flusslandschaft der Jahre 2026/27 rückt einen Fluss in den Fokus, der exemplarisch zeigt, wie sich Nutzung, Renaturierung und ökologische Aufwertung miteinander verbinden lassen. Für Angler ist die Murg damit weit mehr als ein regionales Gewässer: Sie steht stellvertretend für die Frage, wie unsere Flüsse in Zukunft aussehen und befischbar bleiben können.
Vom Industriefluss zum ökologischen Hotspot
Historisch war die Murg ein klassischer Nebengewässerlauf des Rhein von hoher ökologischer Qualität und bedeutendem Lachsbestand. Angeblich zogen dort einst tausende Lachse aufwärts. Durch Industrialisierung, Abwässer, Wehre und Begradigungen verschlechterte sich das Bild dramatisch. Der Atlantische Lachs verschwand vollständig.
Erst seit den 1990er-Jahren gibt es ein Umdenken, verstärkt seit den 2000er-Jahren mit EU-Wasserrahmenrichtlinie als Motor: Strukturen wurden für Wanderfische geöffnet, Gewässerbett naturnäher gestaltet und Abwasserbelastung reduziert. Diese Maßnahmen haben messbare ökologische Effekte. In jüngsten Erhebungen konnten wieder über 30 Fischarten nachgewiesen werden – ein deutliches Zeichen für die ökologische Erholung.
Gewässerökologie konkret
Erst dynamische Strömung, wechselnde Sohlstrukturen, instabile Sande und feinkörnige Bereiche schaffen vielfältige Habitate. Genau hier wurden in der Murg in den letzten Jahrzehnten erhebliche Eingriffe unternommen:
Durchgängigkeit und Wanderfischpassagen
Wehre und Kleinwasserkraftanlagen wurden mit Fischpässen, Treppen oder Liften versehen, um wenigstens teilweise den Aufstieg für wandernde Arten zu gewährleisten. Das ist entscheidend, weil Wanderfische wie Lachs oder Meerforelle sich nicht reproduzieren können, wenn sie geeigneten Laichhabitaten nicht erreichen.
Ufer und Strand-Strukturen
Im Rahmen der Renaturierungen, unter anderem auch über Deichrückverlegungen, wurden Bereiche geschaffen, in denen die Murg wieder natürlich mäandrieren und Sedimente ablagern kann. Dies bringt Kies- und Sandbänke hervor, die besonders für kieslaichende Arten wichtig sind wie Barben und Döbel.
Unterwasserstrukturen
Totholz, Wurzelstöcke und speziell platzierte Steinstrukturen schaffen im Wasser Versteck- und Strömungswechselzonen, Hotspots für Barsche, Forellen und Äschen, die sich gerne dort sammeln, wo sich Strömung und Nahrung treffen. Solche Mikrohabitate sind eines der wirksamsten Werkzeuge, um selbst in stark beangelten Flusssystemen gute Spots zu etablieren und werden in Teilprojekten wie bei Rastatt gezielt ermöglicht.
Realität und Potenzial für Wanderfische
Der berühmteste Rückkehrer ist der Atlantische Lachs. Im Jahr 2024 wurde er wieder in der Murg nachgewiesen. Zwar noch in geringen Stückzahlen, aber als ein deutliches Zeichen dafür, dass passierbare Routen und geeignete Laichhabitate entstanden sind. Zu deren Schutz dürfen in der Murg Lachse nicht mehr befischt werden. Deren Präsenz sagt weit mehr über die Gewässerqualität aus, als jede klassische Prüfgröße. Wo Lachse aufsteigen, sind Sauerstoffgehalt, Temperatur, Strömung und strukturelle Vielfalt ausreichend gut, um auch andere hochwertige Salmoniden zu tragen.

Was heißt das für Angler?
Zielfisch-Biotopkompatibilität
Die Murg führt heute eine Mischung aus typischen Wildfluss-Salmoniden und Standflusspopulationen. Neben Bachforelle und Äsche findest Du im mittleren und unteren Lauf häufig Barsche, Döbel, Barben und Hechte, ein bunter Mix, der klassische Fliegen-, Spinn- und Grundfischer gleichermaßen anspricht.
Spotwahl nach Struktur
Gerade in renaturierten Abschnitten lohnt es sich, gezielt an Strömungskanten, tiefen Rinnen hinter Sandbänken und an strukturierten Uferabbrüchen zu fischen. Diese Zonen erzeugen natürliche Strömungsverwirbelungen, in denen Futterorganismen konzentriert werden und damit auch Räuber.
Ausrüstungstipp
– Für strukturreiche Strecken: robuste Fliegenruten 2,5-3 m, #4–#8 und gut dosierbare Wurfgewichte für Nymphen & Streamer.
– Spinner, Wobbler und Gummifische im 6–12 cm-Bereich greifen die Barben- und Döbel-Region optimal an.
– Vorfachmaterial mit guter Abriebfestigkeit zahlt sich aus – vor allem dort, wo Totholz und Steine dominieren.
Die Murg als Naturraum mit Mehrwert
Neben der reinen Fischerei entwickelt sich das Murgtal auch als Erlebnisraum für Naturinteresse und nachhaltigen Tourismus: Der neue Lachserlebnispfad mit Infotafeln macht ökologische Zusammenhänge sichtbar und bietet spannende Einblicke, wie sich Flussökosysteme durch Strukturveränderungen entwickeln.
So kannst Du Deinen Angeltrip mit einer Tour durch abwechslungsreiche Natur verbinden. Ideal auch, um Kindern oder der Begleitung zu zeigen, was hinter einem lebendigen Gewässer wirklich steckt.
Mehr als nur ein Titel
Die „Flusslandschaft der Jahre 2026/27“ ist kein Marketing-Slogan, sondern spiegelt eine echte ökologische Erfolgsgeschichte wider. Für uns Angler bedeutet das: Chancen auf bessere Bestände durch gewässerökologisch optimierte Lebensräume, vielfältige Angelmöglichkeiten über den ganzen Flusslauf hinweg und Einblicke in die Dynamik eines sich erholenden Flusssystems, das längst nicht „fertig“ ist, aber Richtung Zukunft fährt.