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Monster-Welse im Gardasee

Am 4. Mai machte der erfahrene Speerfischer und Gardaseetaucher Marco Brognoli eine Entdeckung, die für Aufsehen sorgte: In den Tiefen des Gardasees sichtete er mithilfe eines Sonargeräts und durch direkten Sichtkontakt einen Wels von beeindruckenden drei Metern Länge. Für Brognoli, der seit über 40 Jahren regelmäßig in dem norditalienischen See unterwegs ist, war es ein Schock – aber kein völliger Überraschungsmoment mehr. Denn derartige Größen begegnen ihm inzwischen regelmäßig. Der Gardasee, einst ein idyllischer Rückzugsort für Badegäste und Angler, ist zum Revier von Riesenfischen geworden.

Drei Meter Fisch – das neue Normal?

Dass Welse grundsätzlich zu den größten Süßwasserfischen Europas zählen, ist bekannt. Doch die Ausmaße, die die Tiere im Gardasee inzwischen erreichen, überschreiten das bisher Vorstellbare. Brognoli berichtet von regelmäßigen Funden von Exemplaren über zwei Metern Länge. Bei einem einzigen Ausflug fingen er und zwei Kollegen innerhalb von 200 Metern gleich 14 Welse – ein Hinweis darauf, wie stark sich die Population ausbreitet.

Die enorme Größe einiger Tiere lässt dabei erahnen, wie gut die Bedingungen für Welse im Gardasee mittlerweile sind: warmes Wasser, stabile Temperaturen, reichlich Futter und kaum natürliche Feinde.

Warum werden Welse so groß?

Der Europäische Wels (Silurus glanis) wächst ein Leben lang – theoretisch ohne Grenze, wenn Nahrung und Raum vorhanden sind. Seine Lebensdauer beträgt bis zu 30 Jahre, und in nährstoffreichen, warmen Gewässern nimmt das Wachstum deutlich Fahrt auf. Der Gardasee bietet hierfür ideale Bedingungen: große Beutefische, ausgedehnte Flachwasserbereiche zum Laichen und ein insgesamt mildes, zunehmend wärmeres Klima.

Diese Wachstumsbedingungen haben sich in den letzten Jahren durch veränderte Umweltfaktoren noch verstärkt. Die zunehmende Erwärmung des Sees, längere Vegetationsperioden und stabile Sommer mit wenig Abkühlung begünstigen die Entwicklung von Warmwasserarten – allen voran den Wels.

Der Einfluss des Menschen – früher und heute

Früher galten riesige Welse als Ausnahmen, oft als Gerüchte oder Rekordfänge in entlegenen Gewässern. Heute ist das anders. Menschliche Eingriffe haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich der Wels in ganz Europa massiv ausgebreitet hat. Einerseits durch Besatzmaßnahmen in Teichen und Flüssen, andererseits durch veränderte Gewässerstrukturen: Stauhaltungen, renaturierte Flussabschnitte, Flachwasserzonen und nährstoffreiche Seen bieten dem Wels ideale Lebensbedingungen.

Im Fall des Gardasees kommen weitere Faktoren hinzu: Der Klimawandel sorgt für steigende Wassertemperaturen, die Wintern werden milder, und die Laichzeit dehnt sich aus. Dazu kommt, dass natürliche Gegenspieler fehlen – es gibt keine großen Raubtiere im See, die dem Wels ernsthaft gefährlich werden könnten.

Ein Räuber ohne Grenzen

Das Besondere am Wels ist seine Anpassungsfähigkeit. Er ist nicht wählerisch und frisst, was er bewältigen kann – das schließt Fische, Amphibien, Wasservögel und gelegentlich sogar kleine Säugetiere mit ein. Marco Brognoli warnt, dass bei weiterem Wachstum sogar kleine Hunde am Ufer gefährdet sein könnten. In anderen Regionen, etwa in der Provinz Mantua, haben Welse bereits ganze Seen leergefressen. Dort meiden Einheimische wie Touristen inzwischen das Wasser – aus Angst oder Ekel.

Am Gardasee zeigt sich ein ähnliches Muster: Die größten Vorkommen wurden im Bereich zwischen Sirmione und Lazise beobachtet. Besonders alarmierend ist, dass die Welse gezielt die Laichplätze anderer Fischarten aufsuchen und dort deren Bestände dezimieren – insbesondere Barsch, Rotauge und andere Kleinfischarten sind betroffen.

Ein ökologisches Ungleichgewicht

Die Folgen für das Ökosystem sind noch nicht vollständig absehbar, aber Biologen und Fischer schlagen bereits Alarm. Wenn der Wels keine natürlichen Feinde hat und sich weiter ungehindert ausbreitet, wird er zur dominanten Art – und verdrängt andere. Die Nahrungspyramide des Sees verschiebt sich. Ein Gleichgewicht herzustellen, ist auf natürliche Weise kaum möglich.

Sportfischer wie Brognoli fordern daher politische Unterstützung. Analog zur Wildschweinproblematik sollen Sammel- und Entnahmestellen eingerichtet werden, an denen gefangene Welse abgegeben werden können. Denn auch der Fang großer Exemplare ist nicht ohne: Beim letzten Drill verlor Brognoli Ausrüstung im Wert von über 60 Euro. Einzelaktionen reichen längst nicht mehr aus, um die Ausbreitung zu stoppen.

Fazit: Der See verändert sich – und mit ihm die Regeln

Der Wels ist nicht neu im Gardasee – aber das Ausmaß seiner aktuellen Dominanz ist es. Was als Einzelfund begann, entwickelt sich zum ökologischen Problem. Es ist das Zusammenspiel aus Klimawandel, menschlichem Einfluss und biologischer Anpassung, das den „Monster-Wels“ zur Realität gemacht hat. Wer heute am Gardasee badet oder angelt, sollte wissen: Unter der Oberfläche lauert ein Räuber, der nicht nur gewaltig groß ist – sondern auch ein Symbol dafür, wie stark sich unsere Gewässer gerade verändern.

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